Auf nach Santa Clara

Dietmar hatte die Nacht auf dem Balkon ohne größere (Moskito-)Schäden überstanden und motiviert machten wir uns auf den Weg zur Frühstücksbar. Auf der Terrasse der Bar am Pool brannte die Sonne schon um neun Uhr recht erbarmungslos vom Himmel und Schattenplätze waren leider nicht vorhanden :-). Dadurch ließen wir uns aber die gute Laune nicht verderben und genossen das Frühstück. Frisch gestärkt machten wir uns auf den Weg zur Werft, um noch einige Dinge vom Boot zu holen und andere hinaufzubringen. Mal sehen, ob wir jemanden finden würden, der am Samstagvormittag den Stapler bedient?! Der Werftchef persönlich ließ Dietmar in die Höhe schweben und schnell war alles erledigt. Mit einem netten Oldtimer machten wir uns auf den Weg, den Mietwagen abzuholen, der in einem anderen Hotel in der Nähe für uns reserviert war. Nur ein weiterer Kunde stand vor uns in der Schlange, doch dauerte es noch eine gute halbe Stunde, bis wir endlich an der Reihe waren. Kubanische Geschäftigkeit eben. Wenn ich da an die Mietwagenschalter in den deutsche Flughäfen denke, wo die Abfertigung „Zack-Zack“ von der Hand geht 🙂 Da wäre unser freundlicher Mitarbeiter ganz schnell zum Mordopfer eines ungeduldigen Kunden geworden. Wir warteten aber geduldig bis auch wirklich alle Formulare (mit mehreren Durchschlägen) ordentlich ausgefüllt waren und es endlich an die Übergang des Autos ging. In den nächsten zehn Tagen würde ein weißer Chevrolet für unsere Mobilität sorgen. Da er bereits schon rundherum ordentlich zerschrammt war, brauchten wir uns wegen weiteren Kratzern kaum Sorgen zu machen. Die würden nicht weiter auffallen. Auch die Kupplung hatte schon bessere Zeiten gesehen und Dietmar fluchte etwas, als wir uns zurück auf den Weg zum Hotel machten, um unser Gepäck abzuholen.

Um zwölf Uhr waren wir dann startklar und noch knappe 300 Kilometer lagen vor uns bis nach Santa Clara. Bewaffnet mit Karte und Offline-Navi auf meinem Handy fühlten wir uns gut gerüstet. Je weiter wir uns von Varadero und den gepflegten Hotelanlagen entfernten, desto mehr veränderte sich das Bild, das sich uns bot.

Auf der Schnellstraße, die in Deutschland wohl eher als kleine Nebenstraße eingestuft worden wäre, war wenig Verkehr. Eigentlich waren nur Taxis und andere Mietwagen unterwegs. Und natürlich unzählige Pferdefuhrwerke, merkwürdige busähnliche und deutlich überfüllte Transportwägen und langwirtschaftliche Fahrzeuge. Unser Weg führte uns durch weite Ebenen, in denen Zuckerrohr angebaut wurde. Unglaublich viele Rinder und Pferde weideten auf den kahlen Wiesen rechts und links der Straße. Und über allem kreisten die Geier. Ein wirklich bedrückendes Bild. Die Siedlungen und Städte, die wir passierten, waren ärmlich, Häuser und Straßen in einem eher traurigen Zustand. Wir passierten auch mehrere Wohnsiedlungen im Plattenbau-Stil, die einen traurigen oder eher hoffnungslosen Eindruck machten. Unweit der Straße waren verschiedenen Industrieanlagen zu sehen. Welche davon noch in Betrieb waren, konnte man nicht abschätzen. Verrostet und baufällig waren sie auf jeden Fall alle 🙂 Der erste Eindruck von Kuba war wirklich ernüchternd. Verstärkt wurde er noch zusätzlich durch die ausgetrocknete und karge Landschaft, die durstig auf den Beginn der Regenzeit im Mai wartete.

Nachdem wir über zwei Stunden unterwegs waren, wollten wir eigentlich eine Mittagspause machen. So hielten wir nach einem geeigneten Lokal oder Restaurant Ausschau. Es dauerte aber fast noch eine ganze weitere Stunde, bis wir etwas Geeignetes gefunden hatten. Nach den vielen Geschichten über beschädigte oder abhandengekommene Autoreifen wollten wir unseren Mietwagen lieber sicher geparkt wissen und beim Essen im Auge behalten. Außerdem schreckten uns viele Lokale schon optisch ab oder waren komplett menschleer. In Santo Domingo fanden wir aber dann eine Pizzaria, die all unsere Kriterien erfüllte. Vor der Tür parkte ein Pferdefuhrwerk und im Inneren waren viele der Plätze besetzt. So war dann endlich auch für uns Zeit zum Mittagessen. Die Karte war überschaubar und die Preise niedrig (Wie niedrig würde uns aber erst beim Bezahlen aufgehen). Da ich kubanischer Pizza etwas misstrauisch gegenüberstand, bestellte ich Spagetti mit Käse. Diese Entscheidung stellte sich als großer Fehler heraus, denn die Pizza war lecker und die Spagetti eine Katastrophe. Aber nachher ist man ja immer schlauer.

Bei Bezahlen wurde uns klar, wie weit wir uns von den gängigen touristischen Reiserouten entfernt hatten, denn die Preise in der Karte nicht in CUC (der „Touristen-Währung“. Ein CUC entspricht einem Dollar) sondern in normalen Peso. So kostete das gesamte Mittagessen mit Getränken 27 Peso. Und da 25 Pesos einem CUC entsprechen, hatten wir grade etwas mehr als einen Euro ausgegeben. Die junge Bedienung nahm gern unsere zwei CUC entgegen und freute sich über das königliche Trinkgeld :-).

Auf unserem weiteren Weg verpassten wir einmal die Abzweigung der Hauptstraße und verirrten uns in eine kleine Siedlung. Touristen und Autos gehörten hier ganz sicher nicht zum alltäglichen Straßenbild. Ein junger Mann hielt uns mit Handzeichen an und wollte uns weiterhelfen. Wirklich begeistert waren wir nicht von der aufgedrängten Hilfe, aber als er uns einen offiziellen Ausweis zeigte, waren wir beruhigt. Er fragte uns nach unserem Ziel und teilte uns dann mit, dass eine Brücke auf dem Weg nach Santa Clara gesperrt wäre. Ausfühlich und mit Hingabe erklärte er uns eine Ausweichstrecke, die uns zusätzliche 50 Kilometer beschert hätte. Für seine Dienste erwartete er natürlich eine angemessene Entlohnung. Die 1-CUC-Münze, die Dietmar durchs Fenster reichte, rief leider keine wahre Begeisterung hervor. Dabei sollte man im Kopf haben, dass das durchschnittliche Monatsgehalt der Kubaner zwischen 30 und 40 CUC liegt. Aus diesem Grund waren wir auch nicht bereit, mehr für die ungefragte Auskunft zu bezahlen, egal ob er nun ein oder fünf Kinder zu versorgen hatte. Irgendwie kam mir die ganze Aktion sowieso etwas spanisch vor, oder eher kubanisch???? Bis zu der angeblich gesperrten Brücke waren es nur drei Kilometer. Als wir wieder zurück auf unserer Route angekommen waren, entschieden wir uns, uns selbst ein Bild von der Situation zu machen und fuhren wie ursprünglich geplant weiter. Auf der ganzen Strecke nach Santa Clara konnten wir keine gesperrte Brücke entdecken. Gut, wenn man manchmal einfach seinem Instinkt folgt und nicht alles glaubt, was andere erzählen. Und gut, dass wir ihm nicht mehr als einen CUC für seine unsinnige Auskunft bezahlt hatten. Da hätten wir uns sicher noch mehr geärgert.

Nach dieser Begegnung machten wir um alle weiteren, am Wegrand stehenden Menschen eine großen Bogen und kamen problemlos an unser Ziel 🙂 Unser Quartier lag direkt in der Altstadt in einer Nebenstraße und war das einzige Haus mit einem frischen Anstrich 🙂 Die Zimmer waren sauber und nett eingerichtet und die Familie nett und hilfsbereit. Zwar sprachen beide nicht besonders gut Englisch, aber eine Verständigung über die alltäglichen Dinge war ohne weiteres möglich. Nach den vielen Eindrücken und der langen Fahrt machten wir erst einmal eine kurze Pause, bevor wir Freunde aus Deutschland zum Essen trafen. Pünktlich um sechs Uhr standen Robert und Susanne aus München vor unserer Tür, in der Hand eine Tüte mit zwei Dosen Weißwurst und süßem Senf aus Bayern 🙂 und noch weiteren netten Dingen. Auf die Münchener kann man sich wirklich verlassen. Die Beiden hatten ihre Rundreise schon eine Tag vor uns in Varadero begonnen und waren auf einer ähnlichen Route wie wir unterwegs. So konnten sie uns vor dem Essen schon ein wenig die Altstadt zeigen und uns Tipps für den nächsten Tag geben. Außerdem war in einem schönen Restaurant ein Tisch für uns reserviert. So wurde es ein netter Abend mit gutem und preiswertem Essen, den wir dann vor der Casa Cultura am zentralen Platz von Santa Clara ausklingen ließen. Hier war an diesem Samstagabend die halbe Stadt unterwegs. Kinder spielten, die Eltern saßen auf den Bänken und quatschen, eine Band ließ Salsa erklingen und die Leute, egal wie alt; tanzten auf der Straße. Nur wenige Touristen waren zu sehen und wir hatten das Glück, ein Stücken echtes Kuba zu erleben.

An nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg, die Altstadt weiter zu erkunden. Besonders war uns von Robert und Susanne der Markt empfohlen worden. Hier war auch am Sonntagmorgen richtig was los und wir ließen uns einfach von der Menschenmenge an den Ständen vorbei treiben. Obst und Gemüse gab es in großen Mengen, toller Qualität und mit viel Auswahl. Leider konnten wir auf der Tour gar nichts damit anfangen 🙁 Nicht einmal ein Messer hatten wir dabei, sonst hätten wir Ananas für unterwegs kaufen können.

Am Nachmittag machten wir uns zu Fuß auf dem Weg zum Che Guevara-Denkmal, für das Santa Clara berühmt ist. Immer wieder passierten uns Kutschen oder Fahrradtaxis, die einfach nicht verstehen konnten, warum wir zu Fuß unterwegs waren. Aber eine freundliche Absage wird hier ohne Probleme akzeptiert :-). Das Denkmal lag etwas außerhalb und wir marschierten zum Teil durch sehr einfache und arme Wohnsiedlungen. Auch wen wir abseits der gängigen Touristenpfade unterwegs waren, hatten wir nie ein unsicheres Gefühl. Die Menschen waren freundlich und distanziert und gingen ihrer Wege.

In der Stadt war die drückende Hitze nicht besonders gut zu ertragen. Am angenehmsten war es auf dem großen Platz, auf dem die Bäume einigen Schatten spendeten. Hier hatten sich auch wieder viele Kubaner eingefunden, um den Sonntagnachmittag bei Musik und mit Freunden zu verbringen. Wir suchten uns auch ein schattiges Plätzen und beobachteten das bunte Treiben um uns herum. Morgen würden wir uns dann in Richtung Trinidad auf den Weg machen und die große, laute Stadt hinter uns lassen. Wir freuten uns alle schon auf etwas mehr Natur und etwas weniger Lärm und Gestank 🙂

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